Pro Recyclingpapier

Natürlich ist es eine Binsenweisheit für jeden Umweltschützer: Recyclingpapier mit dem Blauen Engel (und nur von diesem ist hier die Rede) ist Frischfaserpapier aus ökologischen Gründen vorzuziehen.

Wie immens die Ressourcenschonung und damit der positive Klimaeffekt  tatsächlich sind, war uns allerdings nicht bewusst, auch wenn im heimischen Schreibtisch seit Jahren nichts anderes als Recyclingpapier zu finden ist. Vor allem der Energiespareffekt fasziniert: Verwendet man drei Blatt recyceltes A4-Papier anstelle von Frischfaserpapier, kann man sich anschließend ein Kännchen Kaffee aufbrühen – und das völlig klimaneutral.


Der Blaue Engel, das Zertifikat des Umweltministeriums

Und dann das schlechte Gewissen - war doch seit Jahren das Recyclingpapier aus den Schulkopierern verschwunden. Grund: Die gängigen Vorurteile: Recyclingpapier produziert Papierstaus und ist grau und hässlich. Letzteres Vorurteil widerlegt zu Hause ein Blick auf das Druckerpapier, das andere verweisen die Kriterien des Blauen Engels in das Reich der Märchen.


Blauer Engel auf Kopierern

Herr Schötz, unser Schulleiter, war für die Umstellung auf Recyclingpapier sofort zu gewinnen. Das bedeutet – bezogen auf das favorisierte Papier – immerhin eine Energieeinsparung von ca. 35 000 kWh/Jahr.

Was aber ist mit den anderen Schulen im Landkreis, was mit den Behörden? Könnten sie nicht auch gewonnen werden? Wir erarbeiteten eine kleine PPP mit dem Titel „Recyclingpapier – an die Schulen!“ für die nächste Sitzung des Arbeitskreises „Bildung und Klimaschutz“ auf Landkreisebene (vgl.: Das Konzept) und schufen Betroffenheit nicht zuletzt bei unserem Klimaschutzmanager, Herrn Gröbmayr. Dieser setzte sich bei unserem Landrat, Herrn Niedergesäß, für die Umsetzung ein, und im Juli 2015 erreichte uns die frohe Botschaft: Zukünftig wird in Schulen und Behörden, für die der Landkreis als Sachaufwandsträger fungiert, ausschließlich Recyclingpapier eingesetzt.

Wir jubelten! 20 Millionen Blatt Recyclingpapier anstelle von Frischfaserpapier! Allein die Energieeinsparung würde ca. 750 000 kWh/Jahr betragen.
Die Ernüchterung kam Mitte September.  Am GG und in einem Nachbargymnasium, zu dem wir Kontakt unterhalten, liefen die (neuen) Kopierer problemlos, doch Widerstände im Landratsamt führten dazu, dass das Papier in eine „Erprobungsphase“ zurückgesetzt wurde, die dazu führte, das es nur von wenigen Schulen verwendet wurde. Die Kinder aus dem Wahlkurs „Aktionen für den Klimaschutz“ reagierten betroffen.

Was tun?

Wir baten um ein Gespräch mit dem Landrat und erhielten einen Termin. Sechs 12- bis 13-jährige Schülerinnen erklärten sich bereit, nach dem Vorbild der Plant-for–the– Planet-Akademien Kurzreferate über die Konsequenzen des Verbrauches von Frischfaserpapier zu halten. Die Texte wurden als Aufsteller für den Schreibtisch des Landrats als Gastgeschenk überreicht.



Herr Niedergesäß, der den Ausführungen aufmerksam und betroffen gefolgt war, nahm sich nun selbst der Sache an und erwirkte eine Erklärung des Druckerherstellers, dass alle Geräte problemlos mit zertifiziertem Recyclingpapier betrieben werden können.

Nach einer weiteren Erprobungsphase von unterschiedlichen Recyclingpapiersorten erhielten wir nun ein freundliches Schreiben aus dem Landratsamt, in dem Herr Niedergesäß unsere „Klimakinder“ ausdrücklich für ihr Engagement lobte und für die nahe Zukunft die 100%ige Umstellung auf Recyclingpapier versprach.

Nachtrag
(Juni 2017)

Was lange währt, wird endlich gut: Im Sommer 2017 erhielten wir über Herrn Schötz diese Nachricht: Herr Niedergesäß hat durch nachdrückliche Appelle erreicht, dass nun neben den Landkreisbehörden alle weiterführenden Schulen, deren Sachaufwandsträger der Landkreis ist, Recyclingpapier verwenden - obwohl es etwas teurer ist als Frischfaserpapier. Juhu!

Aber warum ist Recyclingpapier teurer, obwohl es doch aus Altpapier besteht?
Zellulose (der Grundstoff für Frischfaser-Papier, der aus Holz hergestellt wird) wird am Weltmarkt sehr billig angeboten. Einige Gründe nennt Referat 2 (vgl. unten). Eine weitere Ursache ist, dass nach Deutschland viel Raubbauholz und Zellulose aus Raubbauholz eingeführt wird. Raubbauholz wird ohne Genehmigung der Besitzer gefällt, ist also gestohlen und kann deshalb sehr billig verkauft werden. Das drückt die Preise für Holz, Zellulose ... und Frischfaserpapier. Und gleich hört man das Argument: Recyclingpapier ist soooo (?) teuer, wir nehmen lieber Frischfaserpapier! Aber für ein paar Euro oder sogar nur ein paar Cent den (Ur-)Wald zerstören, den Lebensraum für Vögel, Affen, Elefanten und die indigenen Bewohner der Urwälder? Und unser Klima?

Unser Vorschlag:
Die Mehrkosten für Recyclingpapier durch sparsamen Umgang mit Papier wettmachen, z.B.: Jedes Blatt doppelseitig bedrucken!

Die Kurzreferate:


Wendelstein

1. Der Papierverbrauch im Landkreis

Im Landkreis Ebersberg werden jährlich ca. 20 Mio. Blatt Kopierpapier in Behörden und Schulen verbraucht. Das sind vierzigtausend Pakete à 500 Blatt.
Anschaulich gemacht heißt das:

Stapelt man die 500-Blatt-Pakete aufeinander, ergibt sich ein Turm von zwei Kilometern Höhe, der vom Meeresspiegel bis zum Gipfel des Wendelsteins reichen würde. Wer gerne Bergwanderungen unternimmt, weiß, dass der halbe Höhenunterschied, nämlich 1000 Meter, einen Wanderer ganz schön zum Schwitzen bringt.

Legt man die Packungen an den Schmalseiten aneinander, entsteht eine Strecke von 12 km. Um an ihr entlangzugehen, braucht man ca. 2½ Stunden.

Diese 40 000 Pakete wiegen 100 Tonnen, das entspricht einer Herde aus etwa 20 Afrikanischen Elefanten.

Was bedeutet das für den Umweltschutz?
Wichtig wäre es, Papier einzusparen: Man kann auf Ausdrucke ganz verzichten, doppelseitig drucken,  die Schrift verkleinern …
Genauso wichtig ist es, Recyclingpapier (mit dem Blauen Engel) verwenden. Und zwar sollten alle dazu verpflichtet sein, weil es die Zukunft von uns Kindern ist, die die Erwachsenen durch ihre Gedankenlosigkeit gefährden. Das wollen wir beweisen.


Blick in eine Baumkrone

2. Recyclingpapier spart 100% Holz und schont damit die Urwälder

Wenn der Landkreis statt Frischfaserpapier Recyclingpapier verwendet, spart er 300 Tonnen Holz ein, denn für Recyclingpapier muss kein einziger Baum gefällt werden.

Papierholz oder bereits aufbereitete Holzfasern (Zellstoff) kommen in Deutschland zu einem großen Teil aus den Wäldern Nordeuropas oder aus Sibirien, wo die Bäume sehr langsam wachsen und von daher sehr wertvoll sind. Auch uralte Baumriesen aus Kanada werden nach Europa exportiert.

Viel Holz oder bereits aufbereiteten Zellstoff bezieht Deutschland auch aus Brasilien. Hier gibt es im Amazonasbecken riesige Fabriken, die äußerst billig Zellstoff herstellen können, weil die Umweltauflagen sehr lax sind. Die giftigen Abwässer werden in die Flüsse geleitet und schädigen Menschen und Tiere. So kann Frischfaserpapier in Deutschland günstiger verkauft werden als Recyclingpapier.

Die Folgen:
Die Menschen, vor allem die indigenen Völker, die vom Wald leben, ohne ihn zu zerstören, verlieren ihre Lebensgrundlage.
 In den Urwäldern verlieren die Tiere ihren Lebensraum: In Afrika zum Beispiel Schimpansen und Orang-Utans, Elefanten und Tiger auf Sumatra. Die Artenvielfalt geht verloren.
Hinzu kommen die Auswirkungen auf das Klima.


Hochwasser in Passau

3. Recyclingpapier spart CO2 ein und beugt damit der Klimaerwärmung vor

Wenn der Landkreis Ebersberg in Schulen und Verwaltung nur noch Recyclingpapier verwendet, werden bei der Herstellung des Papiers 64 Tonnen CO2 eingespart.

 64 Tonnen C02 sind 32 Millionen Liter Gas, das sind 32 000 Kubikmeter. Einen Kubikmeter kann man sich als Würfel mit einer Kantenlänge von einem Meter vorstellen. Stellt man diese Würfel in einer langen Schlange auf, dann hat diese Schlange eine Länge von 32 Kilometern. Sie reicht also fast von Ebersberg nach München. Bei dieser Menge CO2 durch Frischfaserpapier kann man sich gut vorstellen, dass Recyclingpapier viel klimafreundlicher ist.

Genauso schlecht für das Klima ist, dass für Frischfaserpapier ja Bäume gefällt werden müssen. Bäume nehmen CO2 auf, weil sie es zum Wachsen brauchen, reinigen die Luft also von CO2 und arbeiten so gegen die Klimaerwärmung. Das haben wir bei der Plant-for-the-Planet-Akademie gelernt.

 Wenn man sehr viele Bäume in kurzer Zeit fällt, fehlen sie bei der Luftreinigung und sie fehlen für immer, wenn sie nicht nachgepflanzt werden. Das ist bei der Urwaldrodung sehr häufig der Fall. Wissenschaftler schätzen, dass 20 -25 Prozent des Zuwachses an C02 in der Luft auf die Waldvernichtung zurückzuführen sind. Und die Papierherstellung hat hier einen großen Anteil.


Donaulandschaft

4.  Wasserersparnis und geringere Belastung des Wassers mit Schadstoffen

Durch die Verwendung von Recyclingpapier würden wir jedes Jahr 4 312 000 Liter (4 Millionen 312 Tausend Liter) Wasser einsparen. Das sind pro Landkreisbürger etwa 32 Liter Wasser. Das scheint nicht viel zu sein. Wichtig aber ist, dass das Wasser, das man bei der Herstellung von Recyclingpapier verbraucht, mit bedeutend weniger Schadstoffen belastet wird als bei der Produktion von Frischfaserpapier.

Die Papierproduktion aus Frischfasern vergiftet die Flüsse in Ländern, wo es keine strikten Umweltgesetze gibt. Ein Beispiel ist Brasilien. Aus Brasilien kommt sehr viel Papier nach Deutschland. Es ist billig und wird gerne gekauft.

Sehr giftig ist das Chlor, das zum Bleichen des Zellstoffes verwendet wird, und zwar für 95% der weltweiten Papierherstellung. Chlorhaltige Bleichmittel sind zum Beispiel krebserregend und erbgutschädigend. Sie reichern sich in den Nahrungsmitteln an.
Die Flüsse, in denen die Zellstoff-Abwässer eingeleitet werden, stinken im wahrsten Sinne des Wortes zum Himmel. Die in diesen Flüssen lebenden Tier- und Pflanzenarten gehen dramatisch zurück.

Chlorbleiche ist in Deutschland zwar verboten, doch findet sich chlorgebleichtes Papier auch bei uns im Handel. Es fällt dadurch auf, dass es billig ist.


Stromerzeugung

5. Energieeinsparung

20 Millionen Blatt Recyclingpapier sparen 772 000 kWh Strom ein. Das sind etwa eine dreiviertel Million Kilowattstunden. Damit kann man 200 Haushalte, in denen vier Personen leben, ein Jahr lang mit Strom versorgen.  Nur durch die Verwendung einer anderen Papiersorte!

Die Menge der eingesparten Energie wird vollends klar, wenn man sie mit der Stromerzeugung kleiner Kraftwerke vergleicht. So produzieren sämtliche Wasserkraftwerke in Glonn zusammen ein Viertel weniger Strom, als der Landkreis durch den Umstieg auf Recyclingpapier einsparen würde.



zuletzt geändert am 16.04.2018, 11:42